Von Robert Zach
Die wichtigsten Ölförderstaaten wollten bereits in dieser Woche ihre historische Vereinbarung zur Produktionskürzung verlängern. Dies sei laut aktuellen Reuters-Berichten auch noch möglich. Allerdings halten sich einige Länder wohl nicht an die im April festgelegten Produktionsniveaus. Konkret soll es sich dabei laut Bloomberg um den Irak, Nigeria, Kasachstan und Angola handeln, die mehr Öl pumpen als geplant. Damit droht der gesamte OPEC-Deal, der den Ölmarkt im Mai gerettet hat, in die Luft zu fliegen.
Das behauptet zumindest Paola Rodriguez-Masiu von der Beratungsfirma Rystad. Russland und Saudi-Arabien drängen wohl darauf, dass Staaten wie der Irak und Nigeria, die sich nicht an die Vereinbarung gehalten haben, die Produktion in den nächsten Monaten stärker drosseln, um die Nichteinhaltung der Förderquoten auszugleichen.
"Es ist wie ein Déjà-vu vor einigen Monaten, als die OPEC+ wegen Saudi-Arabien kurzzeitig auseinanderbrach und sein Engagement an die Teilnahme Russlands koppelte", sagte Masiu in einem Gespräch gegenüber Rigzone.
Hintergrund war ein im März eskalierender Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Russland über eine angepeilte Kürzung der Ölfördermenge. Hinzu kam der Einbruch der Ölnachfrage als Folge der Coronavirus-Krise und Öllager in den USA, die bis zur Oberkante gefüllt waren. In einem perfekten Sturm kollabierte der WTI-Mai-Future Mitte April zum ersten Mal in der Geschichte unter null. Seit dem erholen sich die Ölpreise kontinuierlich, weil die OPEC+ und andere wichtige Förderstaaten freiwillige und unfreiwillige Kürzungen leiten, um das Überangebot an Öl auf dem Weltmarkt zu begrenzen. Gleichzeitig keimte bei den Anlegern die Hoffnung auf eine Wiederkehr der Ölnachfrage auf, als mehr und mehr Länder ihre Corona-Regeln lockerten.
Und jetzt hängt die Verlängerung der Produktionskürzung, die für die Monate Mai und Juni beschlossen wurde, und danach kontinuierlich zurückgeschraubt werden sollte, an der Bereitschaft des Iraks und Nigerias, die Ölhähne endlich stärker zuzudrehen.
"Es ist aber unwahrscheinlich, dass der Irak und Nigeria, die beide mit einer angeschlagenen Wirtschaft ringen, vor dem saudischen Königreich und den Forderungen des Kremls nach einer Erhöhung ihrer Förderquoten kapitulieren werden. Kein Wunder, dass der Markt zittert", fügte Masiu hinzu.
Das Nordseeöl Brent sprang kürzlich auf die Marke von 40 Dollar. Grund dafür war die Spekulation der Ölmarktbeobachter, wonach der Verbund OPEC+ die Produktionskürzung um täglich 9,7 Millionen Barrel über den Juni hinaus verlängern würde. Die US-Ölsorte West Texas Intermediate (WTI) kletterte gestern auf den höchsten Stand seit Anfang März und baut heute ihre Gewinne weiter aus. Zuletzt betrug der Kursgewinn knapp 0,13 Prozent.
"Die Spekulation dominiert in dieser Woche den Ölpreis, weniger die fundamentalen Rahmenbedingungen. Man kann davon ausgehen, dass die Preise jetzt unter 40 Dollar bleiben werden, es sei denn, es tauchen neue Gerüchte auf oder es findet tatsächlich noch ein Treffen statt", erklärte Masiu.
Auch die Credit Suisse (SIX:CSGN), die zwar eine Bodenbildung bei Brent Öl sieht, erkennt die 40-Dollar-Marke als harte Nuss an. Ein Spurt über diesen Widerstand könne den technischen Analysten zufolge jedoch zu einer impulsiven Bewegung auf den Widerstand von 45,18/50 Dollar sorgen. "Eine kurzfristige Unterstützung sehen wir bei 33,62 Dollar, aber nur ein Fall unter die 63-Tage-Linie, die derzeit bei 30,23 Dollar liegt, würde die jüngste Erholung in Gefahr bringen", erklärten sie in einer Notiz.
Ein OPEC+-Treffen sei diese Woche noch möglich, berichtete indes Reuters am Donnerstagnachmittag unter Berufung auf namentlich nicht genannte OPEC-Insider, falls der Irak und andere Staaten ihre Förderkürzungen vertiefen.
Optimistischer äußerte sich da schon Michael Lynch, Geschäftsführer von Strategic Energy & Economic Research gegenüber Bloomberg. Man halte zwar aktuell die Füße still, so der Ölveteran, aber seiner Meinung nach sei die Frage nicht mehr, ob OPEC+ die Kürzungen verlängern werde, sondern um wie viel. "Wenn sie (die Produktionskürzungen) bis Ende des Jahres verlängert werden, schürt das den Hunger der Käufer auf mehr Öl".
Laut der OPEC-Website soll das 179. OPEC-Meeting am 9. Juni und das 11. OPEC- und Nicht-OPEC-Ministertreffen am 10. Juni stattfinden - beide per Videokonferenz.
Am 12. April beschloss die OPEC+, ihre Gesamtproduktion ab 1. Mai für zwei Monate um 9,7 Millionen Barrel pro Tag zu drosseln. Danach sollte sie für sechs Monate auf 7,7 Millionen Barrel täglich gesenkt werden und ab 1. Januar für sechzehn Monate auf eine Tagesproduktion von 5,8 Millionen Barrel. Die Basis für die Berechnung der Anpassungen ist die Ölproduktion von Oktober 2018 mit Ausnahme von Saudi-Arabien und Russland, deren Referenzwert bei jeweils elf Millionen Barrel täglich gelegen hat.
Eine Verlängerung der für Mai und Juni geltenden Produktionskürzungen würde zwar den Ölpreis vor einer scharfen Preiskorrektur schützen, unklar ist aber, ob sie tatsächlich zu einer nachhaltigen Aufwärtsbewegung führen könnte. Schließlich erholt sich die Benzinnachfrage in den USA wohl doch nicht so rasch wie Anfangs gedacht. Das geht zumindest aus den wöchentlichen EIA-Daten hervor, wo ein überraschend starker Anstieg der Benzinbestände zu beobachten war. Auch die Bestände der Destillate stiegen stark an.
Hinzu kommt, dass einer der führenden Anbieter im Fracking-Segment, EOG Resources, die Ölproduktion in der zweiten Jahreshälfte wieder hochfahren will, sagte der EOG-Chef für Explorationsprojekte Ken Boedeker auf einer RBC Capital Markets Konferenz am Dienstag. Auch der Schieferölförderer Parsley Energy und einige Ölproduzenten im North Dakota wollen ihre Hähne wieder aufdrehen.
Im letzten Energiebericht vom 6. April der Federal Reserve Bank of Dallas geht aus einer Umfrage unter 92 Erdöl- und Explorationsunternehmen hervor, dass der Durchschnittspreis von WTI Öl im Permischen Becken zwischen 46 bis 52 Dollar liegen sollte, damit die Produzenten profitabel Öl fördern können.
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